Der Weg zur Gründung
Die Geschichte beginnt beim Sozialpädagogen Florian Scherrer, der langjährig autistische Menschen fördert und begleitet. Im Jahr 2012 leitet er ein Sozialtraining des Elternvereins autismus schweiz für jugendliche Autist*innen. Unter den Teilnehmer*innen fällt ein junger Autist besonders auf, der durch seine Sprachkenntnisse beeindruckt. Er beginnt damit, einige Seiten des englischen Fachbuchs Asperger... Was bedeutet das für mich? zu übersetzen und schliesslich das gesamte Buch. Die beiden Herren, welche damals noch keinen Bezug zum Verlagswesen haben, beschliessen kurzerhand, die Vertragsrechte vom amerikanischen Verlag zu erwerben. Zeitgleich lernt Florian Scherrer einen jungen autistischen Mann auf Stellensuche kennen. Im September 2012 gründen Florian Scherrer und die Heilpädagogin Simone Russi den Verein Autismusverlag. Sie stellen den jungen Mann ein, der sie bei der Buchproduktion und dem Versand unterstützt. In einem Gemeinschaftsbüro rücken sie die Tische zusammen, um Platz für den ersten Mitarbeiter zu schaffen. Im November 2012 wird da allererste Buch schliesslich während der Fachtagung von autismus schweiz veröffentlicht.
Der Autismusverlag wird grösser
Im darauffolgenden Jahr werden weitere Bücher übersetzt, während das Autismusverlag Team zwei weitere autistische Mitarbeiter*innen einstellt. Das Team ist tätig in der Übersetzung, Produktion, Büroarbeiten, Buchhaltung, Reinigung, In- und Auslandlieferung sowie Logistik. Unser Sortiment wächst stetig, sodass nebst deutschen und übersetzten Büchern auch Unterrichtsmaterial dazukommt. Unsere Produktion wird dan der Integration von 3D-Druckern innovativer, die durch einen versierten Mitarbeiter betrieben werden. Da wir immer mehr Bestellungen aus Deutschland erhalten, beginnen wir mit wöchentlichen Fahrten nach Deutschland per Bus, Zug und Fähre. So können wir die Bücher verzollen und von der deutschen Post aus verschicken. Über mehrere Jahre stemmt eine Mitarbeiterin dies Woche für Woche mit ihrer Muskelkraft, bis die Bestellmengen aus dem Ausland schliesslich zu gross werden und wir wöchentlich mit dem Auto die Lieferung übernehmen.
Wir ziehen um...
Je mehr produziert wird, desto knapper wird der Platz. Im Herbst 2015 erhalten wir die Mitteilung, dass wir den Raum der ehemaligen Quartierpost in St. Georgen mieten können. Nach Prüfung der Machbarkeit und Bedingungen ziehen wir im Mai 2016 in den von uns in Eigenarbeit renovierten Raum um. Donnerstags findet der Schreinertag in Zusammenarbeit mit Workaut. Unser erstes Projekt ist die Erstellung eines Tresens im Produktionsraum, der freitagabends in eine Bar umgewandelt wird. So können die Mitarbeiter*innen vom Autismusverlag und Workaut gemeinsam die Woche ausklingen lassen. Unter der Woche dient der Tresen als Empfang für unseren Copyshop, den wir im Februar 2019 eröffnen. Im Quartier Wohnhafte können nun für einzelne Kopien oder auch das Binden von Arbeiten zu uns kommen. Dieser Service wird gerne und oft genutzt.
Mittagstisch und Freizeitangebote
Im Januar 2017 wird der Mittagstisch gegründet, der allen Mitarbeiter*innen die Möglichkeit bietet, gemeinsam Mittag zu essen. Anfangs kochen abwechselnd Mitarbeiter*innen vom Autismusverlag und Workaut, unterstützt von einer Assistenzperson. Der Mittagstisch ist sehr beliebt, sodass er bald täglich von mehr als acht Personen genutzt wird. Nicht nur der Autismusverlag, sondern auch unsere Partnerorganisation Workaut vergrössert sich und erweitert ihr Angebot. Dadurch entstehen neue Freizeitangebote, die von Kinoabenden bis hin zu begleiteten Sommerferien reichen. Unsere Mitarbeiter*innen können ebenfalls an diesen Aktivitäten teilnehmen und nutzen das Angebot rege.
Zwischen Ökonomie und Individualität
Der Autismusverlag steht wie jeder andere Verlag vor den Herausforderungen des Buchmarktes. Wir finanzieren alle Kosten wie Löhne, Mieten und weitere Ausgaben durch den Verkauf unserer Produkte, was einen gewissen Druck auf Produktion und Mitarbeiter*innen bedeutet. Dabei erachten wir es als entscheidend, eine Balance zwischen diesen wirtschaftlichen Anforderungen und autismusspezifischen Anpassungen und Strukturierungen zu finden. Die Arbeitszeiten werden individuell an die Möglichkeiten unserer Mitarbeiter*innen angepasst. Wir berücksichtigen tagesformabhängige Schwankungen in der Leistung und psychischen Verfassung und nutzen den TEACCH-Ansatz zur Strukturierung der Arbeit, um allen Mitarbeiter*innen grösstmögliche Selbstständigkeit zu ermöglichen. Wo möglich integrieren wir ihre individuellen Vorlieben und Fähigkeiten und erweitern kontinuierlich unser Produktangebot, um spannende Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen. Einige unserer Mitarbeiter*innen werden durch Arbeitsassistenz von Workaut unterstützt.
Heute
Im alten Postgebäude St. Georgen sind wir angekommen und haben uns eingerichtet. Unser Team besteht aus etwa 10 Verlagsmitarbeiter*innen, die den Autismusverlag weiterhin tatkräftig möglich machen und sicherstellen, dass unsere über 170 Produkte rechtzeitig und in einwandfreiem Zustand bei Ihnen ankommen.
Die Geschichte der Autismusverlag-Katze
"Angefangen hatte die Geschichte mit der Abbildung einer Silhouette für den privaten Gebrauch, die einer Katze, wie beabsichtigt, auffallend ähnlich war. Irgendwann bat mich Florian Scherrer um einen Vorschlag bezüglich der Gestaltung eines Logos des Eigenverlags, den er zusammen mit Simone Russi ins Leben rief. Nach längerem Überlegen dachte ich mir, dass ein „Maskottchen“ einen höheren Wiedererkennungseffekt der künftigen Publikationen des Verlags bewirken könnte. Da fiel mir ein, dass sich die Katze gut als Symbol für die Zielgruppe des Autismusverlages eignen könnte: eigensinnig, unabhängig, geduldig und freiheitsliebend. Hinzu kommt, dass sich die Katze nicht darum schert, was man von ihr erwartet. Ich trat mit meiner Zeichnung und der damit verbundenen Idee an Florian Scherrer heran, der dem Vorschlag zustimmte und diesen gleich an Simone Russi und die Layouterin Jeannine Villiger weitergab. Da letztere die Idee mit der Katze ebenfalls positiv aufgenommen haben, wird künftig ein sitzendes Büsi die Titelseite der veröffentlichten Texte zieren. Vielleicht hat der Stuben-Tiger ja so eine vielversprechende Karriere vor sich wie sein grosser Verwandter, der im Tank vieler Strassenfahrzeuge mitfährt." – Vom Verlagsmitarbeiter seit 2012